Attack of the Nazi Spiders
Erster Pestzyklus

010

Der Schrei ging mir durch Mark und Bein, gefolgt von einem zweiten, der noch schriller war, als der erste und einem dritten. Dann wieder Stille. Mein Herz raste und drohte mir die dürre Brust zu sprengen, so tief erschrocken war ich. Niemals zuvor kam mir so etwas schreckliches zu Ohren, etwas furchtbares musste geschehen sein, nur wahrhaft große Grausamkeit, könnte den Todesschrei eines Menschen so klingen lassen.

Die Stille war jetzt noch schlimmer, als der Schrei, denn eigentlich war es nicht still. Das Knacken und Prasseln der Flammen waren deutlich zu vernehmen, doch konnte ich dahinter keine anderen verdächtigen Geräusche ausmachen, so sehr ich mich auch anstrengte. Nur die Feuer und mein eigenes schlagendes Herz konnte ich hören. Keine Schreie, kein Weinen. Wer immer diese Schreie ausgestoßen haben musste, war nicht mehr, dessen war ich überzeugt. Doch was war der Grund für diese tiefe Qual?

Meine Furcht vor der Ungewissheit war größer, als vor einer möglichen Bestie, die auf mich lauerte, um auch mein Leben zu beenden. Unendlich langsam, sorgsam darauf achtend, nicht auch nur das kleinste Geräusch zu verursachen, drehte ich mich an dem Pfeiler vorbei um einen Blick in die Richtung zu werfen, aus welcher ich den Schrei vernommen hatte. Jeden Moment rechnete ich damit, dass es mein letzter war und mir eine Kreatur blitzschnell das Lebenslicht löschte, noch bevor ich überhaupt zeit zum schreien hätte.

Doch nichts geschah. Kein Schrecken viel über mich her, kein bedrohliches Knurren ließ mich erzittern, nur der Marktplatz, erhellt von zwei Feuern, die ich jetzt zum erstmal sah und nicht nur durch ihren roten Schein erahnen konnte. Eines links von mir, fünfzig Meter weit weg, dass andere direkt vor mir aber doppelt so weit weg, am anderen Ende, des Platzes. Dazwischen befand sich der Leichenberg, der aufgrund seiner Größe, wohl fast alle Einwohner der Stadt aufweisen konnte. Als ich die Augen zusammenkniff, um das Ganze besser erkennen zu können, sah ich, dass unter den Toten auch einige der Schnabelträger waren, im Tod werden keine Unterschiede gemacht.

Die Feuer waren sehr groß, viel Holz wurde verbraucht und vieles sehe ich noch aufgestapelt an den Häusern liegen. Außerdem bildete ein Teil der Einrichtungen ebenfalls Nahrung für die Flammen, doch die Feuer mussten noch viel breiter gewesen sein, wie der breite Aschering vermuten ließ. Das zeigte gleichzeitig auch, dass sich schon lange Niemand mehr um das Feuer kümmern konnte. Es lagen noch genügend Tote zwischen den beiden Scheiterhaufen, doch keine Frischen mehr auf ihnen. Die Offiziellen müssen keinen Sinn mehr darin gesehen haben, die Überreste der Bevölkerung zu verbrennen. Entweder sind sie bei dem Versuch gestorben, oder sie sahen die Krankheit als unbesiegbar an und haben die Stadt verlassen um ihr Leben zu retten und die Seuche weiter zu tragen.

Die Letzten mussten in den Flammen vergangen sein, aber ihr Gestank lag immer noch in der Luft. Die Mischung des Leichenberges, der ungehindert seine Ausdünstungen in die Umgebung abgibt, wie ein lebender, untoter Organismus, gepaart mit diesem schrecklichem Qualm ließ mich würgen. Schnell hob ich die Decke wieder vor Mund und Nase, denn ich hatte sie sinken lassen. Selbst hier, war das Feuer angenehm, direkt daran musste es unerträglich heiß sein, ein Wunder, dass noch keines der Häuser, welche den Markt einrahmen, Spuren der Hitze aufwiesen.

Mit Schrecken dachte ich an den Grund, der mich hierher geführt hatte. Nur weil bis jetzt noch keines der Häuser brannte, musste das nicht heißen, dass es nicht bald schon soweit sein könnte. Mein Blick ging nach rechts, dort stand das große Gasthaus, abseits der Feuer, trotz der Größe schon fast versteckt. Eine kleine Straße führte rechts daran vorbei, vom Zentrum weg. Dort werde ich nach einem Einlass suchen, denn die Tür an der Front war massiv, wie ich wusste und schien verschlossen zu sein. Die Fenster waren von außen mit dicken Latten vernagelt worden. Anscheinend hatte bisher noch niemand versucht dort einzudringen.

Ängstlich schaute ich noch einmal in die Richtung aus der vorhin die Schreie kamen, aber auf dem Platz tat sich nichts. Nur das gleichmäßige Prasseln war mein Begleiter in dieser frühen Morgenstunde. Doch durfte ich jetzt nicht unvorsichtig werden. So lange wie Möglich blieb ich im Schatten und überquerte schließlich, so schnell und leise ich konnte, die kleine Straße und war an der Seitenwand des Gasthauses angekommen. Lange durfte ich hier nicht so ungeschützt verweilen, schleunigst bräuchte ich einen Weg ins Innere des Gebäudes.

Erster Pestzyklus

009

Erst spät konnte ich den heranhechtenden, jungen Mann erkennen. Die Dunkelheit und meine eingeschränkte Sicht erlaubten es nicht anders, doch hören konnte ich ihn schon lange und seine Verfolger ebenfalls. Ich hatte noch genügend Zeit mich auf dem Lumpenhaufen zu posotionieren, denn in der ansonsten vorherrschenden Stille, war das Husten von weitem schon zu hören. Als ich so dalag und hoffte, dass mich niemand entdecken möge, ist mir aufgefallen, dass das Keuchen des jungen Mannes nicht das einzige Geräusch, war, dass man in der Stille wahrnehmen konnte. Es folgten dem Burschen bestimmt, zwei, oder mehrere andere.

Als der Junge mich schließlich passiert hatte, war er so schnell schon vorbei, dass ich nur einen kurzen Blick auf sein Gesicht werfen konnte, er war nicht älter als zwanzig, eher jünger und seine Kleidung sah verdreckt, aber nicht auffällig aus. War er wie ich? Hatte er gewartet, weil er Angst hatte, vor dem, was sich auf den Straßen tat? Vielleicht sind seine Vorräte ebenfalls zu ende gegangen und er wusste bestimmt, wo er Nachschub kriegen konnte, höchstwahrscheinlich hatte er dieselbe Idee wie ich.

Bis er dann von seinen Verfolgern entdeckt wurde. Ihre Schritte wurden jetzt deutlicher, sie waren schneller,  und sie husteten weniger. Keine Sekunde lang, wagte ich meinen Kopf etwas zu drehen, um zu erkennen wie nah sie schon waren,  die Angst vor dem Entdeckt werden, ließ mich regungslos werden. Warum verfolgten sie, diesen einen? Hatte er sie vielleicht bestohlen? Was es auch war, in keinem Falle würde ich mich zu erkennen geben und nach dem Grund fragen.

Da waren sie auch schon vorbei. Wie der erste vor ihnen, haben sie den Lumpenhaufen gar nicht beachtet, auf dem ich lag. Es waren drei an der Zahl, sie sahen ebenfalls normal aus. Die Kleidung etwas schäbig, aber das war nichts schlimmes. Und wieder fragte ich mich, warum sie so rannten. Sie riefen nichts, sie konzentrierten sich einfach nur darauf, schnell zu sein. Nach ungefähr einer Minute konnte ich nichts mehr vernehmen. Trotzdem wartete ich noch eine ganze Weile, bis ich es wagte, mich zu wieder zu rühren. Als ich mir sicher sein konnte, dass niemand weiteres in der Nähe war, erhob ich mich langsam im Schatten.

Umblickend, stellte ich fest, dass ich tatsächlich allein war. Vorsichtig kletterte ich von dem Haufen runter und drückte mich fest an die Wand. Stets im Schatten bleibend, schlich ich mich langsam vorwärts. Rennen konnte ich in meinem Zustand bestimmt nicht und ich wollte es auch nicht herausfinden. Gewarnt von den vier Menschen, die mich glücklicherweise nicht entdeckt hatten, wusste ich nun, dass es noch lebende Menschen in dieser Stadt gab, doch, durch das seltsame Schauspiel, dessen Zeuge ich wurde, hatte ich beschlossen, ihnen aus dem Weg zu gehen.  Wer sorgte denn eigentlich noch für Recht und Ordnung? Lange hatte ich an meinem Fenster keine offiziellen Staatsmächte mehr gesehen, nur noch, gehäuft die seltsamen Gestalten, mit ihren Masken.

Es wurde langsam heller, was nicht an den Uhrzeit lag, sondern daran, dass der Schein der Flammen nun stärker wurde. Ich war dem Marktplatz schon ziemlich nahe und musste jetzt die Straßenseite wechseln, um dem hellen Schein so lange wie möglich auszuweichen. Durch die Bögen, des alten Rathauses geschützt. Konnte ich mich bis zum Zentrum der Stadt vorarbeiten, doch gleichzeitig im Verborgenen bleiben. Ich stand mit dem Rücken zu einem der Pfeiler und wollte gerade einen Blick auf den Platz werfen, als mich ein Schrei zusammenfahren ließ.