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Ganz langsam ging, oder besser, stützte mich an der Wand entlang, zum Ausgang. Drei Stufen hinab, zur Tür. Unten angekommen, fiel mein Blick zurück an den Ort, welcher fast mein Ende geworden wäre. Die Tür hatte ich nicht mehr geschlossen, es war jetzt egal, wer sich dort Zutritt verschaffen würde, denn ich gehörte nicht mehr an diesen Ort. Jahrelang habe ich mich dort versteckt und ihn als einzige Zuflucht in dieser feindlichen Welt angesehn, doch jetzt hatte ich mich von seinem Zwang befreit. Ein Schauer lief mir über den Rücken und diesmal lag es nicht an der fürchterlichen Kälte des Winters.
Entschlossen blickte ich nach vorne, meine knochige Hand legte sich auf den Türgriff. Ein letztes Zögern noch, dann war es geschehen. Der Griff glitt nach unten, die Tür schwang auf und ich trat ins Freie. Es war dunkel hier draußen (war es nicht immer dunkel?), und kalt. Die wenigen Kleidungsstücke, die ich noch besaß, hatte ich alle am Körper und die Decke, welche mein Lager bildete, hatte ich mir wie ein Mantel um die Schultern gelegt. Meine Füße schmerzten in den Schuhen, welche ich schon seit Wochen nicht mehr ausgezogen hatte, ich will mir gar nicht vorstellen, wie sie aussehen. Wahrscheinlich löst sich die Haut mitsamt den Schuhen ab, sollte ich versuchen sie auszuziehen.
Sofort stig mir dieser Gestank in die Nase, obeohl ich nach der Luft in meiner Behausung eigentlich Frische erwartet hätte, musste der Wind, durch genau diese Gasse den Rauch tragen. Anscheinend verbrannten sie immer noch die sterblichen Überreste, derjenigen, welche der Krankheit zum Opfer gefallen sind, was aber auch bedeutete, dass es noch Überlebende gab, welche die Feuer weiter schürten. Obwohl mich meine Angst, ja geradezu Panik, vor dem Draußen mich verlassen zu haben schien, machte ich mir trotzdem klar, dass ich auf der Hut sein musste. Wer weiß, was sie mit mir machen, wenn sie mich finden? Ein Überlebender, welcher ihnen so lange entkommen war? Wahrscheinlich zwangen diese fiesen Schnabelträger, diejenigen, die noch stark genug zum arbeiten waren, sich an ihren Mitmenschen zu vergehen und den Flammen zu übergeben. Weder wollte ich in den Flammen enden, noch wollte ich diese wiederlichen, angeschwärzten Leichen in irgendeiner Form berühren.
Ich wandte mich nach links, dann stand ich schon an der Ecke, zur Hauptstraße. Der Weg zum Marktplatz war leer und still, als ich vorsichtig um die Ecke schaute. Zum Marktplatz musste ich, obwohl ich dort die Feuer und damit die meiste Gefahr für mein Leib und Wohl erwartete, denn dort war ein Gasthaus, mit umfangreicher Küche. Wenn es in dieser, von Gott verlassenen Stadt noch etwas zu Essen gab, dann dort. Eigentlich mehr ein Trink, als ein Gasthaus. Es musste dort etwas zu Essen geben, denn die wenigen Male, die ich im Inneren verbrachte, zeigten mir, das der Schankraum zwar groß war, aber doch viel zu klein, wenn man mal, von außen, die Grundrisse des Gebäudes bedenkt. Die opulente Weinkarte ließ auf einen großen Keller schließen und in dem Haus musste es eine riesige Küche, mit nicht weniger großen Speisekammern geben.
Nachdem ich mich versichert hatte, dass auch wirklich alles ruhig war, wandte ich mich noch einmal nach links, zu meinem ersehnten Ziel. Ich lief direkt unter dem Fenster vorbei, durch das ich die Geschehnisse der Straße beobachtet hatte. Ein Schatte bewegte sich dahinter, aber das war nur eine Reflektion, die durch das rote schimmern der Flammen, weit vor mir, hervorgerufen wurden. Doch obwohl ich wusste, dass es nur eine Lichtspiegelung war, blieb ich wie angewurzelt vor dem Fenster sthen und wartete darauf, dass sich das ganze wiederholt. Das irgendetwas aus diesem Zimmer doch noch einmal nach mir greifen will, mich nicht gehen läßt. Aber es kam nichts und ein kräftiger Schmerz in der Magengegend ließ mich in die Kniee gehen und löste mich aus meiner Erstarrung. Dadurch, dass ich jetzt einige Schritte gegangen bin, merkte mein Körper, dass es mit mir doch noch nicht vorbei war und meldete sich. Es wird Zeit, dass ich was zu Essen finde, sonst war vielleicht doch alles umsonst und ich falle hier auf der Straße einfach um, dachte ich.
Ich riss mich vom Fenster los, mein Magen pochte jetzt unangenehm, aber es war erträglich. Mit meiner linken Schulter schleifte ich an der Hauswand entlang. Durch die Kälte, wollte ich meine Hände im Inneren der Decke lassen und mich nicht abstützen.
Vielleicht war ich hundert Meter weit gekommen, als die Ruhe, die vorher nur durch den gelegentlichen Wind gestört wurde, durch ein lautes, gewürgtes Husten erlosch. Mit Panik im Herzen drehte ich mich um, doch ich konnte nichts erkennen. Wieder ein Husten, zeimal hinter einander. Noch weit entfernt. Hektisch schaute ich mich in der nur spärlich beleuchteten Straße um, bis ich in zirka fünfzehn Metern Entfehrnung einen Lumpenhaufen ausmachte. Wieder das Husten. So schnell ich konnte, drehte ich mich um, die Angst nun doch entdeckt zu werden, gab mir zusätzliche Kraft und ich erreichte den Lumpenberg, bevor ich die ersten schnellen Schritte am anderen Ende der Straße hörte. Da meinem Kleidung sich nicht von den Sachen unterschied, die hier am Wegesrang weggeworfen wurden, legte ich mich halb darauf und drückte mich in den feuchten, faulenden Rest von Kleidung, welche wahrscheinlich von den Toten stammte. Die Decke zog ich mir über den Kopf und hoffte, dass mich so niemand entdecke würde. Einen winzig kleinen Spalt ließ ich frei um zu sehen was auf mich zukam. Dann kamen die Schritte, die eindeutig von einem rennendem Menschen rührten näher.